Neue Weihnachtskrippe für die Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt

Zur neuen Weihnachtskrippe von St. Mariä Himmelfahrt, Stolberg, Weihnachten 2023

Nun ist es fast zweieinhalb Jahre her, dass die Flut Stolberg und andere Städte und Dörfer des Landes in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 zerstört hat. Die einschneidenden Auswirkungen sind bis heute emotional zu spüren und offensichtlich im Stadtbild zu sehen. In direkter Folge der Corona-Pandemie war das für alle Betroffenen ein zweiter, sehr heftiger Schicksalsschlag. Viele Bürger unserer Stadt standen und stehen noch immer vor den Trümmern ihres Lebens.

Ich erinnere mich, dass ich kurz vor diesem Ereignis mit Pastor Hans-Rolf Funken Exequien in der Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt an der Orgel begleitet habe. Am Tag nach der Flut ging ich zur Kirche, um vor allem unsere neue Kirchenorgel (Orgelbaufirma Scholz/Mönchengladbach von 2009) vor den Folgeschäden des Wassereinbruchs zu bewahren. Das Bild der Zerstörung war für mich ein Schock: alle Kirchenbänke lagen kreuz und quer  übereinander, der Boden war bedeckt von einer ölig-schlammigen und stinkenden Masse, die gerade neu eingebaute Heizungsanlage war zerstört, draußen die Pflastersteine des Umgangs teilweise weggeschwemmt, das Tor zum Innenhof aus den Angeln gerissen und weggespült. Überall lag Unrat, Autowracks und sonstige Trümmer: ein einziges Bild der Verwüstung.

Dank zahlreicher Helfer aus dem Stadtgebiet und durch Außenstehende gelang es in den ersten zwei Tagen nach der Flut, den Schlamm zu beseitigen und die Kirche leer zu räumen. In diesem Zuge zeigte sich auch, dass die Figuren unserer historischen Krippe aus den 70iger Jahren alle gerettet werden konnten, wenn auch mit einigen Beschädigungen, die Kulissen aber vollkommen zerstört waren und entsorgt werden mussten.

Jetzt muss gesagt werden, dass im Verhältnis zu dem ganzen existentiellen Leid vieler Mitbürger eine zerstörte Krippe als Kollateralschaden einzustufen ist und in der Prioritätenliste zu Recht den Schlusspunkt bildet. Langfristig haben wir aber dieses Projekt im Auge behalten, da die Weihnachtskrippe der Mühlener Kirche immer ein emotionaler Identifikationspunkt der Gemeinde und der Bürger der Stadt Stolberg war und somit eine große verbindende Rolle spielte. 

Als gebürtiger Vichter und nicht originär zu der Pfarrgemeinde von St. Mariä Himmelfahrt zählender Katholik hatte ich meine ersten Berührungspunkte mit dieser Krippe in der Mitte der 90iger Jahre. Damals war ich Schüler des Ritzefeld-Gymnasiums, stand kurz vor meinem Abitur und hatte bei dem evangelischen Kantor der Finkenbergkirche, Ernst Priegnitz (+2022), seit meinem 12. Lebensjahr Orgelunterricht. Die Liebe zur Musik wurde mir in erster Linie durch meine Oma Hedwig Weigner (+2016) mitgegeben, die als Diakonisse sehr aktiv in der evangelischen Gemeinde Stolbergs war. Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie jeden Sommer in ihrem Haus in Südfrankreich, wo sie auch im Jahr 1975 (meinem Geburtsjahr) Gründungsmitglied des Festival de Comminges wurde. Meine Schwester Christine und ich verlebten die meisten Sommer unserer Kindheit bei ihr und durch regelmäßige Konzertbesuche entwickelte sich meine Liebe zur Orgelmusik, speziell zu den Werken Johann Sebastian Bachs.

Im Rahmen meines Abiturgottesdienstes 1995 fragte mich Pastor Hans-Rolf Funken, der 1992 nach Stolberg kam, ob ich nicht Orgeldienste in Vertretung des damals fehlenden hauptamtlichen Organisten übernehmen könne. Diesen Dienst versehe ich seit fast 30 Jahren mit Freude, wenn es mein Beruf als freiberuflicher Regisseur für Musiktheater zulässt.

In meiner Anfangszeit war die Kirche noch gut besucht, das kirchlich-soziale Leben eine feste gesellschaftliche Größe und intakt. Besonders in der Advents- und Weihnachtszeit blühte die Gemeinde auf, und das hatte vor allem mit der eindrucksvollen Weihnachtskrippe zu tun, deren Figuren in den 70iger Jahren von Pfarrmitgliedern gespendet worden waren. Diese Figuren stammten von der Holzschnitzerei Hans Klucker aus Oberammergau. Der damals angeschaffte und in den 80iger und 90iger Jahren erweiterte Bestand - u.a. stiftete Dr. August Brecher (+2001) das Kamel - setzt sich aus ca. 30 historischen und handgeschnitzten Figuren, darunter auch Schafe, Ochs und Esel zusammen. In der Vorweihnachtszeit und an den Festtagen herrschte reger Betrieb, es gab eine extra Beleuchtung, einen Wasserlauf und musikalische Untermalung. Die Krippe wurde damals von dem Küster Heinz Jansen und Michael Doncks (+2016) betreut und mehrmals passend zu den Bibeltexten umgestellt und gepflegt. Nach Michaels Tod übernahmen die Familien Schlösser und Herpertz diese Aufgabe und setzten sie liebevoll bis zur Flut 2021 fort.

Nun ist jedes Ende gleichzeitig eine Chance auf einen Beginn, und es war den bisherigen Verantwortlichen und mir ein Herzensanliegen, diese Tradition nicht aussterben zu lassen, sondern auch in diesen schweren Zeiten einen Neuanfang zu wagen. Durch die immerwährende Unterstützung unseres Pastors Hans-Rolf Funken, die große Hilfsbereitschaft der Theaterwerkstätten Krefeld/Mönchengladbach, die Kreativität des Bühnenbildners Robert Schrag aus Mannheim und der AG Weihnachtskrippe mit seinen Mitstreitern Tim und Dieter Schlösser, Kurt Herpertz, Christian Erberich, Dieter Klein, Edmund und Martin Collet, der Pfarrsekretärin Helga Banik-Ladewig und Sylvia Caspers, die sich um die Ausbesserung der Figurenkostüme kümmert, können wir Ihnen die historische Mühlener Krippe in neuem Gewand präsentieren. Der Stern und der Hütehund, der bereits vorhanden war, aber in den 90iger Jahren aus der Krippe gestohlen wurde, komplettieren zur Wiedereröffnung Weihnachten 2023 das Gesamtbild. Die teilweise beschädigten Figuren aus altem Bestand wurden durch die Familie Conzen („Alles für die Krippe“ in Eschweiler-Kinzweiler) liebevoll restauriert. Als letzte große Erweiterung ist für 2024 noch ein handgeschnitzter Elefant avisiert, der als letzter Großauftrag an die Familie Klucker/Pfaffenzeller in Oberammergau herangetragen werden soll. Aufgrund hohen Alters und mangelnder Nachfrage nach diesem so kunstvollen Handwerk wird die Oberammergauer Werkstatt in naher Zukunft leider schließen müssen.

Ich danke dem Generalintendanten des Theaters Krefeld/Mönchengladbach, Herrn Michael Grosse, dem Operndirektor, Herrn Andreas Wendholz, den Werkstätten des Theaters, dem Bühnenbildner Herrn Robert Schrag, der Familie Conzen in Eschweiler-Kinzweiler, allen Mitstreitern in Stolberg und nicht zuletzt meiner Familie, die mich bei der Umsetzung dieses Projektes sehr unterstützt. Besonderer Dank gilt auch Frau Weber vom Kulturbüro Rheinstil, die uns noch kurzfristig in das Programm des 24. Aachener Krippenweges aufgenommen hat.

Allen Besuchern wünsche ich eine besinnliche und gesegnete Advents- und Weihnachtszeit. Möge die Krippe mit ihrer Tradition und ihrer heutigen Gestalt durch die Verweise auf Stolberg und seine Umgebung ein neuer Identifikationspunkt für seine Bürger und ein positiver und bewegender Besuchsgrund für Gäste aus der Euregio sein.

Ansgar Weigner

Stolberg im Dezember 2023

 

Biografie Robert Schrag

Robert Schrag studierte Bühnen- und Kostümgestaltung an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Mozarteum in Salzburg.

Anschließend war er am Nationaltheater Mannheim als Ausstattungsassistent tätig. Seit 1995 ist Robert Schrag selbständiger Bühnen- und Kostümbildner mit Arbeiten für verschiedene Bühnen, u.a. für das Staatstheater Wiesbaden, das Nationaltheater Mannheim, die Staatstheater Nürnberg und Augsburg, die Theater Hagen, Plauen-Zwickau, Coburg, Annaberg-Buchholz und Pforzheim.

Verschiedene Arbeiten führten ihn in den letzten Jahren auch an die Staatsoper in Prag, das Theater in Pilsen, Brünn, Cannes, Marille, Luxemburg und zu den Rossini Festspielen in Bad Wildbad. In den Jahren 2003 bis 2007 war er Ausstattungsleiter des Theaters Plauen-Zwickau.

Neben den Theaterarbeiten gehört auch das Entwerfen von Messeauftritten und Events wie z.B. Ausstellungen oder Kinopremieren für die Disney Company Deutschland zum weit gesteckten Arbeitsfeld Schrags.

Hinzugekommen sind noch Filmausstattungen und Buchillustrationen. Mit dem Regisseur Ansgar Weigner verbinden ihn mehrere Theater-Produktionen: u.a. „Die Liebe zu den drei Orangen“ (2010) am Theater Krefeld/Mönchengladbach , „Der Vogelhändler“ (2011) am Staatstheater Wiesbaden oder auch die Musicals „Sunset Boulevard“ (2019) und „Evita“ (2021) am Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz. In der Spielzeit 2022/23 entwarf Robert Schrag das Kostümbild zur Winterrevue »Mit Verspätung ins Glück – Eine Winterrevue«, das an der Musikalischen Komödie Leipzig in der Regie von Ansgar Weigner uraufgeführt wurde.

Eine Krippe für Stolberg von Bühnenbildner Robert Schrag

Nun ist es schon zwei Jahre her, als  Ansgar Weigner mich fragte, ob ich mir vorstellen könne, für seine Heimatgemeinde nach der Flut eine neue Krippe zu entwerfen…

Eine meiner ersten Aussagen war: „…ein schöner Gedanke, doch sollte ein Entwurf von mir die umgebende Natur und Materialien aufweisen, die einen Bezug zum zukünftigen Standort herstellen…“.

So kam es, dass wir einige Tage in der Umgebung Stolbergs auf Inspirationstour gingen...

Natursteinbauwerke, Burg, Felsen, Schiefer, Hügel und Ausblicke formten dann die Idee zu den ersten Entwürfen:

 ….dann kam noch ein schöner Hinweis von Ansgars Mutter:

Kupferhaltige Böden und Gesteine lassen biologische Besonderheiten gedeihen:

die Galmei-Veilchen, welche nur auf diesen speziellen Böden blühen.

Ein schöner Tipp für ein wunderbares Detail der Dekoration ….

Mit diesen Informationen und Eindrücken im Gepäck war es dann eine Arbeit, die mir leicht fiel und die mit Freude aus meinem Zeichenstift floss...

Den genauen Standort haben wir in der Kirche St. Mariä-Himmelfahrt vor Ort ausgemessen.

Die wunderschön geschnitzten Figuren begutachtet und katalogisiert.

Diese müssen später in einem glaubwürdigen Größenverhältnis zur neuen Krippe stehen.

So formten sich erste Skizzen...

Grundrisse, Pläne und dann die Farbentwürfe für die einzelnen Bauteile...

Dem folgte das Modell im Maßstab 1:20...

Ich erinnere mich sehr gern an den Tag, als ich in Stolberg den Verantwortlichen dann das Konzept vorstellen konnte, und war selbst erstaunt, mit welcher Begeisterung und Zustimmung das Projekt nun in die nächste, entscheidende Phase getragen wurde:

Die Abgabe der Pläne und Entwürfe in den Werkstätten des Theaters Krefeld/Mönchengladbach.

…und auch hier haben sich die Kollegen begeistert und engagiert der Aufgabe angenommen und alles so wunderschön im Detail umgesetzt!

Hier im April 2022 zur „Bauprobe“ in Stolberg, noch unbearbeitet…

...und bei einem weiteren Besuch in den Werkstätten am 31.Oktober 2022, als die Maler schon fleißig an den Details gearbeitet haben...

Mit Vorfreude blicke ich nun auf den ersten Aufbau in der Kirche am 14.12.2023:

Die nötigen Verkabelungen für die Lichteffekte, den Wasserlauf und die Musikanlage...

Mögen die letzten Schritte gelingen und den Betrachtern dann ein warmes Licht in die Seelen spülen..

Mit herzlichen Grüßen nach Stolberg

Robert Schrag

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